Deutsch-Französisches Jugendwerk (DFJW) veröffentlicht sein neues Glossar "Kindergarten und Grundschule"

Meistens bestehen Glossare nur aus Listen von Wörtern mit ihrer fremdsprachlichen Entsprechung. Was viele Glossare außer Acht lassen, ist die interkulturelle Dimension, die hinter manchen Wörtern steckt. Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) veröffentlicht seit einigen Jahren Glossare, die einen Schwerpunkt auf eben diese interkulturelle Komponente setzen.

DFJW

Seit seiner Gründung 1963 fördert das Deutsch-Französische Jugendwerk die Begegnung zwischen jungen Menschen aus beiden Ländern und hat mehr als sieben Millionen jungen Franzosen und Deutschen die Teilnahme an rund 250 000 Austauschprogrammen ermöglicht.

DFJW-Glossare

Die Glossare des DFJW sind grundsätzlich für zwei Zielgruppen bestimmt: Zum einen für junge Deutsche und Franzosen, die an einer oft thematisch orientierten Begegnung (Beruf, Sport, Gesellschaft, Freizeit) teilnehmen, zum anderen für junge Berufstätige bzw. Auszubildende, die im Rahmen eines DFJW-Programms eine bestimmte Zeit im Partnerland arbeiten oder dort ein Praktikum absolvieren. Die Glossare ermöglichen ihnen, sich schneller und reibungsloser in das Arbeitsleben im Ausland einzugliedern. Darüber hinaus sind die Glossare, die Deutsch-Französisch erscheinen (zwei Titel auch Deutsch-Französisch-Englisch), über den Internetauftritt des DFJW auch allen Sprachinteressierten zugänglich.

Auswahl der Einträge

Weil aus drucktechnischen Gründen der verfügbare Platz stark begrenzt ist, kann bei der Erstellung der Glossare der jeweilige Fachbereich nicht komplett erfasst werden. Das interkulturelle und interdisziplinäre Autorenteam aus deutschen und französischen Sprachexperten und Profis des jeweiligen Fachgebietes entscheidet, welche Wörter und Ausdrücke aufgenommen werden: Die Zahl der Einträge liegt bei insgesamt rund 1000.

Interkulturalität

Die Besonderheit der DFJW-Glossare besteht im interkulturellen Mittelteil, den sogenannten „Gelben Seiten“. Hier wird ein Blick über den Tellerrand auf die großen Unterschiede zwischen den beiden Nachbarländern geworfen. Im aktuellen Glossar Kindergarten und Grundschule (PDF-Link) erfolgt dies in Form einer vergleichenden Darstellung der Vor- und Grundschulbildung in Deutschland und Frankreich, einer schematischen Darstellung der Schulsysteme sowie einer Liste der wichtigsten Institutionen beider Länder. Diese "Interkulturellen Betrachtungen" erläutern, worin die Unterschiede der beiden Systeme liegen und erforschen die Gründe hierfür.

Konkrete Beispiele

Aus Übersetzersicht sehr spannend ist beispielsweise, dass in Frankreich die scolarisation schon mit drei Jahren beginnt, wenn die Kinder als élève in die école maternelle gehen, die in das Bildungssystem integriert ist und damit der Schulverwaltung untersteht. Gleichaltrige Kinder in Deutschland gehen in den Kindergarten, der hier nicht Teil des Bildungssystems ist, sondern der Kinder- und Jugendhilfe untersteht; in diesem Alter handelt es sich deshalb um Kindergartenkinder, während die Bezeichnung Schüler erst ab der deutschen Einschulung im Alter von – je nach Bundesland – fünf bis sieben Jahren korrekt ist.
Eine weitere Besonderheit der Glossare ist auch, dass für das Fachgebiet wichtige, aber stark landestypische und in einer Übersetzung nur schwer zu fassende Begriffe berücksichtigt werden. Beispielsweise der Ausdruck devenir élève: Damit wird eine angestrebte Entwicklung des Kindes bezeichnet, die in den französischen Lehrplänen für die école maternelle von Bedeutung ist. Das Glossar bietet als Erklärung an: in die Schülerrolle hineinwachsen. Dabei handelt es sich also nicht um eine Übersetzung im eigentlichen Sinne, sondern um eine – durch kursive Schrift kenntlich gemachte – Empfehlung des Autorenteams, das nach langer, oft kontroverser Diskussion zu dem Schluss kam, dass dies auf verständliche Weise die wesentlichen Aspekte des Originalbegriffs wiedergibt, so fremd sein Konzept auch sein mag.
Ähnlich verhält es sich umgekehrt mit der Schultüte, die in Frankreich gänzlich unbekannt ist und deshalb mit cornet-surprise offert par les parents à l’enfant entrant à la Grundschule erklärt wird.
Ein weiterer, aus Sicht des Übersetzers interessanter Punkt betrifft Komposita mit Eigennamen, von denen man annehmen könnte, dass der Name in der Fremdsprache unverändert bleibt. So entspricht der Waldorf-Pädagogik im Französischen die pédagogie Steiner. Der Grund hierfür überrascht: Im Deutschen entschied man sich bei der Bezeichnung für einen Teil des Namens der Zigarettenfabrik (Waldorf-Astoria), deren Direktor die erste Schule dieser Art für die Kinder seiner Mitarbeiter gründete, während man im Französischen den Namen des Leiters (Rudolf Steiner) der ersten, 1919 in Stuttgart gegründeten Schule vorzog.

Bereits erschienen

Die Glossare des DFJW umfassen mittlerweile 32 Titel, von Altenpflege bis Zimmerhandwerk, von denen allerdings lediglich die neuesten Titel, seit Jahrgang 2000, das neue Format mit interkultureller Komponente aufweisen (Bürgerengagement, Integration und Chancengleichheit, Fußball, Buchwesen, Küche sowie "Kindergarten und Grundschule"). Alle Glossare können kostenfrei beim DFJW in Berlin in der gedruckten Version bestellt (Format DIN A6) oder im Internet als PDF-Dateien heruntergeladen werden.

Ralf Pfleger

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