Auf der JMV 2012 verabschiedet sich der nächste Jahrgang des Nachwuchsprogramms (NWP). Zwei Tandems schildern ihre Erfahrungen und Eindrücke.
Wie seid Ihr auf das NWP aufmerksam geworden?
Mentee 1: Ich habe davon von einer Kommilitonin im Studium gehört. Ich habe mir dann die AIIC und auch den VKD angeschaut und habe dort das NWP gefunden. Ich dachte mir, das ist eigentlich ganz nett. Denn in den meisten Berufen fängt man erst an zu arbeiten und macht sich später selbständig. Das ist beim Dolmetschen nicht der Fall, und ich dachte immer: „Es wäre doch so schön, wenn es die Möglichkeit gäbe für ein Traineeship oder als Azubi irgendwo.“ Also wenn man nicht gleich ins kalte Wasser geworfen wird. Das NWP kommt dem ziemlich nahe, und da habe ich mich dann einfach beworben. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als ich hörte wer meine Mentorin wird.
Mentorin 1: Ich habe schon den allerersten Jahrgang mitbekommen und war damals bereits der Meinung, dass ich das unterstützen möchte. Denn in meiner Anfangszeit hatte ich viele Fragen, die ich auf mehrere Personen verteilen musste. Da habe ich mir gedacht, es müsste eigentlich so ein System geben wie „Meister und Geselle“. Bei einer Kollegin habe ich mitbekommen, wie das NWP läuft, und als dann der zweite Aufruf kam, habe ich mich beworben. Meine Mentee war insgeheim meine Wunschkandidatin…
Mentee 2: Von dem Programm erfuhr ich praktisch aus erster Hand, über ehemalige Kommilitoninnen, die selbst teilgenommen haben. Außerdem habe ich mich über die VKD-Website informiert. Das Nachwuchsprogramm bietet genau die Starthilfe, die ich mir angesichts der Frage: „Wie ziehe ich meine Selbständigkeit auf?“ gewünscht habe.
Mentorin 2: Auf das NWP aufmerksam geworden bin ich durch die Koordinatorin des NWP, die mich angesprochen hat, ob ich mir vorstellen könnte, Mentorin zu werden. Nach anfänglichen Bedenken, ob ich dafür schon lange genug auf dem Markt und erfahren genug bin, habe ich mich dann entschieden, mitzumachen. Ich hätte mich am Anfang meines Freiberuflerdarseins gefreut und es als sehr hilfreich empfunden, wenn ich jemanden mit mehr Erfahrung gehabt hätte, den ich auch mit vermeintlich peinlichen Fragen hätte löchern dürfen.
Wie habt Ihr die 2 Jahre als Team so erlebt? Habt Ihr Euch gut verstanden? War die Zusammenstellung Eures Tandems eine gute Lösung?
Mentorin 1: Ich habe mir überlegt – was wäre bloß gewesen, wenn ich meine Mentee nicht nett, und – viel schlimmer – nicht gut gefunden hätte? Natürlich hätte ich dann auch mein Wissen weitergegeben und wäre für sie dagewesen. Aber es wäre mir sicherlich ein wenig schwerer gefallen. Und es war gar nicht schlecht, dass wir unterschiedliche Arbeitssprachen haben – im Gegenteil, es ist ein Vorteil, weil ich viel weniger Englisch selber mache, als an mich herangetragen wird.
Mentee 1: Ich kann noch hinzufügen, dass es bei der Zusammenstellung der Tandems wichtig ist, dass man einen gemeinsamen Berufswohnsitz hat oder dass man zumindest in erreichbarer Nähe wohnt. In dem Programm geht es ja nicht vornehmlich darum, dass man von der Mentorin Anfragen oder Aufträge weitergeleitet bekommt. Es geht vielmehr darum, auf die Füße zu kommen. Und da ist es gut, wenn man jemanden hat, der sich auskennt und auch mal jemanden für eine bestimmte Sache empfehlen kann oder auch weiß, wo man hingehen kann, um in das regionale Netzwerk von Kollegen zu kommen. Daher ist die örtliche Nähe sehr wichtig.
Mentorin 2: Unser Tandem war auf jeden Fall eine gute Lösung! Wir haben uns sehr gut verstanden, von Anfang an, und haben uns in den zwei Jahren auch immer besser kennengelernt, so dass inzwischen schon ein sehr vertrautes und freundschaftliches Verhältnis entstanden ist. Ich dachte am Anfang, dass es schade ist, dass wir nicht die gleichen Arbeitssprachen haben, aber letztendlich haben sich die Sprachen als gar nicht so wichtig herausgestellt. Die meisten Fragen kamen zu sprachunabhängigen Dingen auf, so dass ich meiner Mentee hoffentlich trotzdem ganz gut weiterhelfen konnte. Und für die sprachspezifischen Dinge gab es ja auch Kontakt zu anderen Kollegen, die eventuell helfen konnten.
Mentee 2: Ich habe mich mit meiner Mentorin von Anfang an wohlgefühlt. Kaum dass die Tandems bekannt gegeben wurden, hat sie mich auch schon angerufen, um sich vorzustellen. Während des Gesprächs sagte sie zu ihrer Tochter gewandt: „Jetzt nicht, das ist eine Kollegin.“ Dieser Satz war zwar nicht für mich bestimmt, aber er hat richtig gut getan. Eine Kollegin!
Wie ist die Zusammenarbeit verlaufen? Treffen, Telefonate, Email – gab es Zeitabsprachen oder feste Termine?
Mentorin 2: Anfänglich hatten wir uns feste Termine vorgenommen, um den Fortschritt zu verfolgen. Aber das war dann doch zu unflexibel, weil dann doch schon vorher ein Thema aufkam und wir telefoniert haben und so hat sich der fixe Termin als unnötig erwiesen. Wir hatten schon recht regen Kontakt, hauptsächlich per Mail oder am Telefon, haben uns aber auch mal bei einem Dolmetscherstammtisch oder bei einer Fortbildung getroffen.
Mentee 2: Wir haben uns vorgenommen, einmal pro Monat zu telefonieren, um zu besprechen, was sich getan hat bzw. was ansteht, oder eben bei Bedarf anzurufen oder zu mailen. Neben den fixen NWP-Treffen am Rande der JMV und im Sommer haben wir zusätzliche Treffen vereinbart und diese häufig mit einer weiteren Veranstaltung verbunden wie dem Stuttgarter Dolmetscherstammtisch, dem NWP-Regionaltreffen oder einem Seminar.
Hat Dich, liebe Mentorin, die Zusammenarbeit in irgendeiner Weise eingeschränkt?
Mentorin 2: Überhaupt nicht! Wenn ich gerade keine Zeit zum Telefonieren hatte, dann war es für meine Mentee auch kein Problem, wenn ich per Mail geantwortet habe. Und eine Mail ist ja schnell geschrieben. Ich fand es ganz im Gegenteil eher bereichernd, mir über gewisse Dinge Gedanken machen zu müssen. Natürlich muss man für ein solches Programm Zeit investieren, das sollte einem vorher bewusst sein. Aber ich habe mich in meiner zeitlichen Einteilung wegen des NWP nicht eingeschränkt oder gestresst gefühlt!
Frage an die Mentees: In welchen Angelegenheiten konnte Euch das VKD-Nachwuchsprogramm helfen, wo es ansonsten schwierig gewesen wäre, Unterstützung zu bekommen?
Mentee 1: Erstmal gab es die praktischen Dinge. Allgemein kann man ja nicht so offen über Preise, Kalkulation, Kunden sprechen, weil man sich zwar untereinander gut versteht, aber dennoch in einer Konkurrenzsituation ist. Da ist es gut, wenn man am Anfang zu jemandem gehen und sagen kann: „Hier ist mein Vertrag. Schau dir den mal an. Hast du noch Tipps, fehlt etwas, so würde ich jetzt das Angebot für den Kunden schreiben.“ Und da ist es gut, wenn man ein Vertrauensverhältnis zu jemandem, der einem dann auch wirklich weiterhilft, hat.
Mentee 2: Allgemein hat das NWP vor allem Motivation und Sicherheit gebracht. Auf jedem Treffen habe ich neuen Anschub bekommen und konnte mein Zugehörigkeitsgefühl zum Berufsstand stärken. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Aspekt des Netzwerkens. Dank des NWP kenne ich jetzt gut 50 Kollegen mehr als vorher. Insbesondere der Kontakt zu den erfahreneren Kollegen wäre ohne das Programm wohl nicht zustande gekommen. Im Speziellen zeichnet sich das NWP dadurch aus, dass es einen persönlichen Ansprechpartner vom Fach und meist mit gleicher Sprachkombination bietet. Meine Mentorin hatte immer eine Antwort, die mich weitergebracht hat. Allgemeine Ratgeber zur Selbständigkeit können da natürlich nicht mithalten.
Wie war die Atmosphäre bei den NWP-Treffen? Gab es einen guten Austausch zwischen den Tandems? Konnte man von den verschiedenen Erfahrungen der Tandems profitieren?
Mentee 1: Ich fand alle Treffen innerhalb des Programms mit allen Beteiligten sehr schön. Ich fand die gesamte Gruppe gut. Ich muss sagen, Kontakt zu einzelnen Tandems haben wir nur sehr sporadisch und das sind dann eher private Treffen. Das Programm an sich und die Gruppe finde ich hervorragend. Man bekommt so viele Facetten mit, es gibt unter den Mentoren häufig ganz unterschiedliche Ansätze, und das ist als Mentee auf jeden Fall bereichernder, als wenn man sich nur mit einer Person austauscht. Und da kann ich dann auch ganz frech eine Frage stellen wie: „Wie macht ihr das denn mit eurer Angebotsbefristung?“ Die Antworten reichen dann von gar keiner Befristung über eine Woche nach Angebotsabgabe bis hin zu einer Woche vor dem Auftrag – die ganze Bandbreite. Da alle ganz unterschiedlich arbeiten, kann ich schauen, was für mich funktioniert. Das ist für mich sehr positiv.
Mentorin 2: Ich war nicht bei allen NWP-Treffen dabei, aber bei denen, auf denen ich war, war die Atmosphäre gut und locker. Man konnte sich nett unterhalten, auch mit den anderen Tandems (auch aus den anderen Jahrgängen), und so kam ein guter Austausch zustande. Bei den Diskussionen in den Gruppen (ob jetzt innerhalb des Jahrgangs oder jahrgangsübergreifend) konnte man sehr gut von den Erfahrungen der anderen profitieren. Es gibt ja immer wieder Fälle, die andere schon erlebt haben, man selber aber noch nicht. So konnte man sich in Ruhe überlegen, wie man selbst in einer ähnlichen Situation handeln würde. Am effizientesten fand ich allerdings das Regionaltreffen, bei dem sich eine kleinere Gruppe aus dem Süden und Westen in Frankfurt getroffen hat. Die Diskussion dort fand ich sehr konstruktiv, da die Gruppe noch kleiner war, ich das Gefühl hatte, man konnte noch offener sprechen, und es auch keine sonstigen organisatorischen Dinge drumherum zu klären gab. So ein Treffen ist auf jeden Fall wiederholenswert!
Hat sich die Zusammenarbeit in den zwei Jahren verändert? Gab es eine Entwicklung zu verzeichnen?
Mentee 1: Ja, es geht jetzt nicht mehr um grundsätzliche Sachen, sondern mehr um das Praktische und Konkrete. Nicht mehr: „Kennst du die Agentur XY?“ oder „Ist diese Anfrage überhaupt seriös“, sondern mehr: „Wie mache ich bei dieser Anfrage ein gutes Angebot?“ Und was mir das Programm auch gebracht hat, ist ein kleines, feines überregionales Netzwerk, das ich sehr zu schätzen weiß. Ich kenne jetzt ein paar Kollegen in Berlin, eine ganze Menge in Frankfurt. Und das hätte ich ohne NWP jetzt nach zwei Jahren auf keinen Fall.
Mentorin 1: Es hat sich viel verändert. Im ersten Jahr waren das die typischen Fragen, die jeder am Anfang seiner Laufbahn stellt. Und jetzt sind das ganz normale Gespräche, die ich mit erfahrenen Kollegen auch hätte.
Was hast Du aus dem NWP gelernt oder welche neuen Erkenntnisse hast du dazu gewonnen?
Mentorin 1: Ich habe nicht gewusst, wie viel Erfahrung ich tatsächlich habe. Es war mir einfach nicht klar, was diese 20 Jahre bedeuten. Ich habe jede Situation irgendwo schon einmal erlebt, und das ist ein tolles Gefühl. Das heißt, ich kann ganz viel mit Ruhe meistern.
Mentee 1: Diese Ruhe ist für mich sehr wichtig. Nach drei Jahren geht es für mich nicht mehr so sehr darum, ob mich überhaupt jemand anruft oder ich überhaupt in den Markt komme. Jetzt ist mehr so die Stufe: Wie gestalte ich das Ganze? Wie gehe ich mit meinem zweiten Standbein, dem Unterrichten, um? Für mich sind immer noch alle Situationen die ersten Situationen. In diesem Jahr kam es schon mehrfach vor, dass ich in einer Woche drei Aufträge hatte, und das ist ganz schlimm, ich hatte Herzrasen vier Tage lang. Und da ist dann meine Mentorin. Drei Aufträge in der Woche, das ist doch total super, sagt sie. Also einfach tief durchatmen, und dann wird das schon. Als Mentee holt mich das zurück auf den Teppich. Wenn andere das schaffen, OK, dann schaffe ich das auch!
*Mentorin 2:** Durch den Austausch mit den anderen (egal ob Mentees oder KDs) hab ich einiges dazugelernt oder mir gedacht, ach ja, so könnte man es auch machen. Dabei ging es nicht mal nur um Preisverhandlungen, Angebote und Arbeitskonditionen, sondern auch um einfache Dinge, wie z.B. ein Auftragsprotokoll schreiben o.ä. Man lernt ja nie aus. Außerdem habe ich einige neue Kollegen auch in anderen Regionen Deutschlands kennengelernt. Wenn man mal dort jemanden braucht, ist es ja schön, wenn man auf Leute zurückgreifen kann, die man persönlich kennt.
Frage an die Mentoren: Was hat Euch am meisten Freude bereitet?
Mentorin 1: Das Ziel, das ich mir gesteckt hatte, haben wir erreicht, nämlich dass meine Mentee von ihrer Arbeit leben kann und die Lust daran nicht verliert. Das wäre doch das Schlimmste!
Mentorin 2: Zu sehen, dass ich mit meinem Ratschlägen tatsächlich jemandem helfen kann. Oder dass ich nur dadurch, dass ich erzähle, wie es bei mir selber war, meine Mentee aufmuntern konnte, auch wenn es auftragsmäßig mal nicht so gut aussah. Ich finde es auch sehr schön zu sehen, dass sie viel selbstbewusster geworden ist, was natürlich nicht mein Verdienst ist, aber es ist trotzdem schön zu sehen, dass es vorwärts geht.
Frage an die Mentees: Würdet Ihr Euch selbst auch einmal als Mentorinnen zur Verfügung stellen?
Mentee 1: Ich habe von meiner Mentorin erwartet, dass sie mir die Ruhe geben kann, dass sie mir helfen kann, ins Netzwerk hineinzukommen. Sobald ich für mich das Gefühl habe, dass ich da auch an einem solchen Punkt bin, wird das gehen. Solange fast jeder Auftrag etwas völlig Neues bringt, bin ich noch nicht soweit. Vielleicht in drei oder vier Jahren… Und ich möchte gern etwas haben, was ich dann zurückgeben kann und wo ich mich in einem kleineren Rahmen austauschen kann als zum Beispiel bei einer JMV.
Mentee 2: Das werde ich auf alle Fälle. Zwar noch nicht im nächsten Jahrgang – etwas mehr Erfahrung möchte ich doch noch sammeln –, aber in paar Jahren sicherlich. Das Programm ist eine Bereicherung für alle Beteiligten und ich möchte sagen auch für den Berufsverband insgesamt. Ich habe sehr stark davon profitiert und möchte, dass andere dies in Zukunft auch können.
Frage an die Mentoren: Warum würdet Ihr anderen KDs empfehlen, sich als Mentor zur Verfügung zu stellen?
Mentorin 1: Ja, denn wir brauchen qualifizierten Nachwuchs, und das kann man am besten sicherstellen, indem man jemanden die ersten Jahre begleitet. Und weil ich das damals in dieser Form nicht hatte, jemanden, der einen einfach an die Hand nimmt.
Mentorin 2: Man lernt selbst eine Menge durch den Austausch mit den anderen, lernt neue Kollegen kennen (und vielleicht alte etwas besser), macht sich vielleicht durch die Fragen der Mentees auch selber Gedanken über Dinge, die einem neu sind - und der Zeitaufwand war auch wirklich nicht zu groß. Gerade die NWP-Treffen haben auch immer großen Spaß gemacht!
Könnt Ihr das NWP in einem Satz zusammenfassen?
Das NWP hat für mich viel von einer Familie. Es gibt unterschiedliche Generationen, die zusammenkommen, die wie bei einer Familie irgendwie verbunden sind. Es herrscht eine positive Grundstimmung. Man muss sich aber nicht allen in diesem Programm gleich nahe fühlen. Wir lernen voneinander, und das ist gut so. Ich würde es an den drei Buchstaben festmachen – NetzWerk Perfekt, und das ist doch perfekt zum Ende des NWPs. Eine äußerst nützliche Sache von der beide Seiten profitieren können!
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